Roter Löwe von der BuchBanane

Liebe Bananen, lange bevor ich die BuchBanane wurde, habe ich mal an einem Kurzgeschichten-Wettbewerb teilgenommen. Die Erlöse der daraus entstandenen Anthologie kamen dem Projekt Hand in Hand e.V. zu Gute, die sich für Waisen in Swasiland einsetzen.
Das Ganze ist Jahre her und das Buch gibt es leider nicht mehr käuflich zu erwerben. Aber ich wollte euch diese Perle meiner frühen Schriftstellerjahre nicht vorenthalten 😀
Wenns euch gefällt, dann wünsch ich euch viel Spaß damit. Und wer dem Verein gerne eine kleine Spende zukommen lassen will (ich hab mit denen nichts zu tun und bin lediglich über diese lang zurückliegende Wettbewerb/Anthologie Geschichte mit ihnen „verbunden“), dann habt ihr hier die Kontaktdaten:

Hand in Hand e.V. Wiesbaden

Spendenkonto: 135 114 200

BLZ: 510 500 15

www.handinhandev.org

Während der Wind durch meine Haare streicht, lausche ich dem Rauschen der Wellen. Nur zufällig habe ich dieses Café der Strandpromenade gewählt, doch es erweist sich als wahrer Glücksgriff. Ich habe freie Sicht auf die rotglühende Sonne, die langsam ins Meer zu sinken scheint. Am Nebentisch sitzt eine Gruppe junger Leute. Ich lausche ein wenig, kann mich nicht lösen von den Schilderungen ihrer Eindrücke. Sie sind erst seit einigen Tag hier, wohingegen ich mehr als mein halbes Leben hier verbracht habe. Hier, in Südafrika. Ich muss lächeln. Ich kann mich noch gut an die erste Zeit erinnern. Ich war voller Tatendrang, Hoffnungen und Träume. Das Licht der gleißenden Sonne begrüßte mich, kaum dass ich einen Fuß aus dem Flughafengebäude gesetzt hatte. Ich fühlte mich frei, als wäre ich im Paradies gelandet und die Welt stünde mir offen. Doch schnell waren Wolken am Horizont aufgezogen. Nicht Mama Afrika begrüßte mich hier. Keine vollbusigen Frauen in farbenfrohen Kleidern tanzten auf den Straßen. Niemand lud mich ein in das Herz des schwarzen Kontinents. Ich hatte geglaubt, die Apartheid wäre vorüber; schwarz und weiß – kein Unterschied. Doch ich sah nur Weiße in ihren teuren Autos zu ihren noch teureren Villen brausen. Ich sah nur Schwarze in den überfüllten Taxis. Bei elf offiziellen Sprachen Südafrikas waren es doch nur Englisch und Afrikaans – die Sprachen der Weißen – die mir überall begegneten. Ich kam also an, im Land meiner Träume, und wurde meiner klischeehaften Illusionen beraubt. Denn den vermeintlich wilden Tieren bei ihrem vermeintlich natürlichen Gebaren zuzusehen, während man gemütlich auf der Terrasse einer erstklassigen Safarilodge sitzt und ein fünf Gänge Menü genießt, hat nur bedingt etwas mit dem wahren Afrika zu tun. Natürlich gehören die atemberaubende Natur, die exotischen Tiere, die man nur aus dem Fernsehen oder den heimatlichen Zoos kennt – dort nur Schatten ihrer selbst – ebenso zu Afrika wie das hölzerne Kunsthandwerk, das es touristenwirksam an jeder Ecke zu kaufen gibt. Doch die Menschen dieses Landes kennen auch die Armut. Viele wohnen in den Townships, auf den ersten Blick nicht unbedingt immer als menschliche Behausung auszumachen. Afrika ist ein wildes Land voller Widersprüche.

Mein Blick schweift rüber. Ein alter Mann bietet kleine Tiere aus Perlen und Draht zum Verkauf. Ich habe schon eine beeindruckende Sammlung zu Hause, aber ich kann auch diesmal nicht nein Sagen. Für mich sind es nur ein paar Rand, für ihn ist es ein kleines Vermögen. Strahlend nimmt er das Geld entgegen, noch strahlender darf ich in seiner Kiste wühlen. Ich entdecke einen wunderbaren Schatz, der meine Sammlung fabelhaft ergänzen wird. Der König des Dschungels aus zinnoberroten Perlen, die Mähne hat einen Stich ins Orangefarbene. Die schwarzen Augen funkeln mich an, und ich weiß sofort: der muss mir gehören. Glücklich verlässt mich der afrikanische Straßenverkäufer und glücklich bleibe ich zurück. Ich, die Deutsche. Die ihr Herz in und an Afrika verlor. Ich platziere den Löwen am Rand meines silberglänzenden Tisches.

Der Kellner bringt mein Essen, und während ich genüsslich vor mich hin kaue, denke ich an meine ersten Wochen in diesem Land. Im Kulturschock taumelte ich durch den Alltag und fragte mich ein ums andere Mal, warum es ausgerechnet Kapstadt hatte sein müssen. Ein Abenteuer hatte ich erleben wollen, eine neue Kultur entdecken. Doch nun war ich heillos überfordert und verwünschte mich und meine Courage. Ich fühlte mich beobachtet, an jeder Straßenecke. Sah mich ausgeraubt mit aufgeschlitzter Kehle in dunklen Gassen liegen. Die Schauergeschichten der Daheimgebliebenen hatten ihre Wirkung nicht verfehlt, auch wenn ich sie in der sicheren Heimat noch lapidar abgetan hatte. Doch hier nun sah die Sache anders aus. Ich arbeitete in einem Kinderheim, etwas außerhalb der Stadt gelegen. Für ein halbes Jahr sollte ich als Freiwillige dort zu den helfenden Händen zählen, doch schon nach den ersten Tagen war mir alles zu viel. Diese kleinen Wesen mit den riesigen Augen, die mich ansahen, als würde ich die Antworten auf alle Fragen mit mir bringen. Fast alle von ihnen waren krank, die meisten hatten HIV oder Aids. Mit einem Ozean zwischen mir und dieser Aufgabe hatte ich aufgeklärt abgewunken und auf medizinische Vorsorgemaßnahmen verwiesen, doch nun wurde die Gefahr für Leib und Leben irgendwie greifbar. Ich konnte die Befangenheit nicht abschütteln, fühlte mich schlecht. Ich war die wohlhabende Ausländerin, die ein bisschen im Elend wühlt; Gewissen beruhigt, Lebenslauf aufpoliert, ab geht’s nach Hause in die heile Welt. Alles an Afrika war zu viel für mich, ich wollte nur noch in das nächstbeste Flugzeug springen und in mein durchstrukturiertes Leben in Deutschland zurückkehren. Doch wie ich zu diesem Zeitpunkt, und noch zu vielen weiteren in meinem Leben, feststellen musste, braucht es manchmal einen besonderen Menschen, der allein durch seine Anwesenheit das Leben anderer verändert – mein Leben, in diesem Fall. Er war ein junger Arzt, stammte aus Langa. Gerade erst den Abschluss in der Tasche, half er von nun an mehrmals im Monat unentgeltlich im Kinderheim aus. Zu diesen Zeiten wurde ich ihm immer als Helferin zugeteilt. Seine ruhige Art mit den Kindern und seine Unbefangenheit im Umgang mit ihnen waren ansteckend. Bald schon waren wir ein eingespieltes Team. Freunde. Er lud mich auf ein Feierabend-Bier ein, aber ich bestellte mir lieber einen Appletiser. Ich empfand mich als sehr afrikanisch, und er sah es mir an und lachte ein bisschen. Ich stellte ihm tausende und abertausende Fragen. Wir sprachen über Afrika, und ich musste erkennen, das wir in zwei verschiedenen Welten zu leben schienen. Er bemerkte meine Verwirrung, aber auch mein Interesse, und so lud er mich ein, sein Afrika kennenzulernen. Er zeigte mir die Touristenhotspots, fuhr mit mir auf den Tafelberg hinauf oder nach Robben Island. Aber er nahm mich auch mit nach Langa, wo er noch immer Freunde hatte. Er hatte es zwar aus dem Township heraus geschafft, seine Wurzeln aber hatte er nicht vergessen. Und so lernte ich das wahre Afrika kennen, seine touristenfreundlichen Seiten ebenso wie die harte Realität. Als meine sechs Monate um waren, hatte ich mich verändert. Das Mädchen, das ein halbes Jahr zuvor aus dem Flugzeug gestiegen war, gab es nicht mehr. Ich hatte nicht einmal mehr das Gefühl, sie zu kennen. In Deutschland schloss ich mein Studium ab und begann zu arbeiten. Doch Afrikas Ruf erreichte mich. Ich hatte mich verliebt. Verliebt in das Land und seine Menschen. Verliebt in diesen Mann. Und so folgte ich dem Ruf und kehrte zurück auf den schwarzen Kontinent.

Und nun, bald vierzig Jahre später, bin ich noch immer hier. Afrika ließ mich nie mehr los. Ich sitze in diesem Café, umringt von Touristen. Ich lausche ihren Geschichten, ihren Plänen. Dabei betrachte ich meinen roten Löwen, der noch immer, stolz und starr, am Rand des Silbertisches über mich wacht. Ich fühle mich einsam wie noch nie zuvor in meinem Leben. Am Nebentisch ertönt Gelächter. Ich wende den Kopf und erblicke eine blonde Frau, die dem ihr gegenüber sitzenden Mann ein strahlendes Lächeln zuwirft. Neben ihr ein kleines Mädchen, vielleicht vier Jahre alt. Die Haare zu Zöpfen gebunden, trägt es ein bonbonfarbenes Kleidchen und passende rosa FlipFlops. Das Kind blickt mich an, skeptisch zuerst, doch dann lacht es, lacht aus voller Seele wie nur Kinder es können. Sie kennt kein Leid, keinen Schmerz. Verlust ist ihr fremd. Gram und Neid erfüllen mich, doch ich ringe mir ein Lächeln ab, bevor ich mich wegdrehe. Mein Blick fällt wieder auf den Löwen. Er und ich, darauf scheint es hinauszulaufen. Ist das eine Bilanz für ein Leben? Ein roter Perlenlöwe auf einem silberglänzenden Tisch in einem namenlosen Café? Ich verfalle in melancholische Depressionen, was mir in letzter Zeit häufiger passiert. Mein Leben scheint den Sinn verloren zu haben. Ich starre vor mich hin ins Leere und verliere mich in Grübeleien.
Der zweite Stuhl an meinem Tisch wird zurückgezogen und eine hochgewachsene junge Frau, die meinem zwanzigjährigen Ich erstaunlich ähnlich sieht, nimmt mir gegenüber Platz. Ihre Haare sind schwarz und ihre Haut erinnert an Milchkaffee. Ihr Erscheinen reißt mich aus meinen düsteren Gedanken und ich begrüße sie. „Hallo Liebes“ sage ich sanft und hoffe, sie sieht die Tränen in meinen Augen nicht glitzern. „Hallo Mama“ sagt sie ebenso sanft zurück. Wir schweigen einen Moment gemeinsam, bevor sie leise, kaum hörbar flüstert: „Er fehlt Dir sehr, nicht wahr?“ Ich kann nur stumm Nicken, der Kloß in meinem Hals schnürt mir die Kehle zu. „Ich fühle mich so allein ohne ihn“ presse ich heraus, noch immer bemüht nicht zu weinen. „Ach Mama“, sagt sie. Auch in ihren Augen glitzert es verdächtig. „Du bist nicht allein, Mama, du hast doch noch mich.“ Ja, denke ich. Ich habe noch mein Mädchen. Und die Erinnerungen an einen jungen Arzt, der mich mein Leben lang begleitet hat. Die Erinnerungen an diesen wunderbaren Menschen, Vater meines Kindes, der mir bis zu seinem viel zu frühen Tod Ehemann, Freund und Geliebter war.
Mein Blick fällt erneut auf den roten Löwen und ich denke: „ja, dich habe ich auch noch. Dich und Afrika.“

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